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Das Geheimnis meiner Bratkartoffeln

Ja, ich gebe es zu, ich habe ein Bratkartoffelverhältnis. Ich habe eine für innere Annehmlichkeiten sorgende, inzwischen tiefgehende und langjährige Beziehung zu goldbraun gerösteten und dennoch auf der Zunge schmelzenden, lecker würzigen Bratkartoffeln mit feiner Butternote.

Diese Beziehung besteht schon seit Anfang der siebziger Jahre. Es begann zu einer Zeit, als ich eigentlich noch gar nicht richtig sprechen, aber immerhin schon klettern konnte – gerade so wie das süße Baby in der bekannten Windelwerbung.

Ich will dir die Anekdote aus meiner frühen Kinderzeit erzählen, die meine Mama immer mal wieder auf Familienfesten in allen Farben ausmalt, zusammen mit all den anderen abenteuerlichen Mini-Geschichten, die davon handeln, wie schlimm* sie schon immer war, die kleine Loni:

 

An einem frühen Nachmittag, so ungefähr 1971, bemerkte meine Mama plötzlich diese alarmierende Stille in der Wohnstube und wusste, dass es höchste Zeit wurde, zu schauen, was ihre kleine Tochter, die Loni, schon wieder ausheckte. Meine Mama begab sich also vom Wohnzimmer aus um die Ecke und schaute in die Küche hinein. Tatsächlich! Da stand das kleine Loni-Windelkind auf einem Stuhl am Küchentisch. Mit einer Hand stütze sie sich auf dem Küchentisch ab und in der anderen Hand, am weit ausgestreckten Arm, hielt sie eine Gabel in der kleinen Faust. Tief ins Tun versunken piekte sie in die Bratkartoffelpfanne hinein, die vom Mittagessen noch auf dem Tisch stand. Die Küchenuhr tickte. Sonst war es still. Und meine Mama beobachtete schmunzelnd, wie die lütte Loni mit der Gabel Bratkartoffeln aufpiekte. Eine nach der anderen. Und mit etwas Mühe schaffte sie es auch, die goldenen Rösti in den kleinen Mund zu befördern.
Meine Mama staunte und ohne zu glauben, dass eine Antwort kommen könnte, fragte sie:
„Na, was macht denn mein Kindelein da?“
Und das Kindelein sah auf, strahlte sie an und formte, hochkonzentriert und mit vollem Munde, die wichtigsten Wörter der Welt: „Mampf … Mampf.“

 

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So. Und nun habe ich dich lange genug auf die Folter gespannt.

Hier kommt endlich das Geheimnis meiner goldbraunen, knusprigen und unendlich leckeren Bratkartoffeln:

  • Schmelze einen Klumpen Butter in einer Pfanne,
  • schnippele die vom Mittagessen übrig gebliebenen Salzkartoffeln hinein,
  • streue Salz darüber,
  • 15 min geduldig braten.
  • füge eine gewürfelte Zwiebel hinzu.
  • nochmal 5 min braten.
  • Fertig in insgesamt 25 Minuten

Was?  Das soll das ganze Geheimnis sein?

Mitnichten!

Ich habe ewig gebraucht, bis ich endlich in der Lage war, die original schlimmsten Loni-Bratkartoffeln der Welt zuzubereiten, mit denen ich jedesmal aufs neue das Herz meines Liebsten erobere.

Tja, und wenn du vielleicht auch das Herz eines guten Mannes erobern willst, oder deine Liebe auf eine ihm klar verständliche Weise zeigen willst, dann brate ihm Bratkartoffeln. So oft du kannst.

Damit dir die Bratkartoffeln aufs Beste gelingen, nimm die Feinheiten ernst. Sie machen den großen Unterschied.

 

Mit Liebe kochen heißt:

achtsam sein mit den Möglichkeiten

und jene wählen,

die in ihrer Kombination zum besten Ergebnis führen.

 

Ich verrate ich dir, was ich aus meinen Erfahrungen gelernt habe:

1.) Die Pfanne.
Deine alte Pfanne klebt an? Ab in den Müll damit! Am besten sofort. Meine anklebenden Pfannen haben allerdings meine Hühner bekommen, weil sie keine Teflonbeschichtung haben und sich deshalb sehr gut als Futterpott für Möhrchenraspeln eignen.
Mit meiner alten Pfanne habe ich mich leider ewig herumgeärgert, bevor ich endlich klug wurde. Ich habe die klebenden Kartoffeln immer und immer wieder mit dem Pfannenheber vom Boden gekratzt, und wenn das nicht ging, sogar versucht, sie mit Wasser abzulösen, bevor das klebende Rösti vollends schwarz wurde. Das Ergebnis war jedesmal das Gleiche: neben Frust, Mühe und Ärger gab es matschige Bratkartoffeln, die man nur aus echtem Hunger oder Liebe zur Köchin essen mochte. Ein daraus folgender Effekt war, dass ich nur noch selten motiviert war Bratkartoffeln zu machen. Und das war das Traurigste daran.

Meine Lösung:
Ich habe mir eine günstige aber genial tolle Pfanne von meinem Lieblingsdiscounter geholt, 28cm Durchmesser, Keramik. Innen wunderbar glatt. Den Pfannenheber brauche ich jetzt nur noch, um die Bratkartoffeln zielsicher auf den Teller zu hüten. Wenden kann ich die Bratkartoffeln nun nämlich mit einem Schwenk aus dem Handgelenk.
Die zweite gute Entscheidung war, dass ich mir nicht nur eine Pfanne neu geholt habe, sondern mehrere.
Das Wichtige daran ist, dass ich meine Bratkartoffelpfanne auch wirklich NUR für Bratkartoffeln nutze. Außerdem ist wichtig, dass die Bratkartoffelpfanne wirklich niemals! in den Geschirrspüler kommt, weil sie sonst sofort das Kleben anfängt. Ich glaube, der Reiniger ist es, der die Antihaftwirkung zerstört. Ich reinige meine Pfanne, und das geht problemlos, weil sie glatt ist und nichts außer einem Restchen Fett drin bleibt, mit einem Papierküchentuch. Fertig. Wenn mir danach ist, spüle ich sie auch mal von Hand mit der weichen Seite eines Schwammes.

2.) Das Herdfeuer

Ich habe jahrelang einen entscheidenden Fehler gemacht: Ich habe mich von Ungeduld treiben lassen. Ich hatte die Herdplatte zu heiß eingestellt. Das Ergebnis war: Angekohlte Kartoffeln und total verkohlte Zwiebelstückchen. Denn so sehr ich es mir auch vornahm, die Kartoffeln rechtzeitig zu wenden, ich habe es nicht mal geschafft, wenn ich direkt vorm Herd stand und in die Pfanne starrte. Wenn man aber die Kartoffeln zu früh wendet, kann sich die leckere braune Röstschicht nicht bilden. Ja, ich weiß, geröstete Kohlehydrate sind fast genauso ungesund wie rotes Fleisch. Entscheide du also eigenverantwortlich, ob du Bratkartoffeln willst oder es doch lieber bei der gesünderen gekochten Variante belässt.

Meine Lösung:

Von 9 möglichen Heizstufen meines Herdes, stelle ich Stufe 7 ein, wenn ich die Butter zum Schmelzen in die Pfanne gebe. Da jeder Herd ein bisschen anders heizt, probiere an deinem aus, welche Stufe die besten Ergebnisse bringt. Ich schnippele die Kartoffeln in das schmelzende Fett. Und weil die Pfanne ja nicht anklebt, geht das auch gut. Während ich Kartoffeln schnippele streue ich Salz über die neu hinzugekommenen Kartoffelscheiben, insgesamt ca. dreimal, damit es nicht zu viel Salz wird. Wichtig ist, dass die Kartoffeln früh ins Fett kommen, weil sie die Hitze aufnehmen, die sonst (auch auf Stufe 7) die Butter zum Verkohlen bringen würde. Die Kartoffeln müssen eine Weile braten, bevor man sie wendet. Auch hierfür braucht man Übung und Fingerspitzengefühl. Aber an den Kartoffeln sieht man ja, ob man sie zu früh oder zu spät gewendet hat und man lernt. Stufe 7 bleibt ca. 20 min und gibt einem mir die Zeit, während die Kartoffeln schmoren, die Zwiebel zu pellen und zu würfeln. Wichtig ist: Erst wenn die Kartoffeln schon fertig geröstet sind, darf die Zwiebel hinzugefügt werden und dann muss unbedingt die Temperatur gesenkt werden. Ich stelle, meinen Herd auf Stufe 5, bevor ich die Zwiebeln zu den Bratkartoffeln gebe. Auf Stufe 7 kann es nämlich zu leicht passieren, dass die Zwiebeln doch verkohlen.

3.) Die Kartoffeln.

Es kommt schon darauf an, die richtige Sorte zu wählen. Festkochend oder vorwiegend festkochend sollte die Sorte sein. Ich habe herausgefunden, dass ich mit den Sorten Linda und Laura sehr leckere Bratkartoffeln bereiten kann. Wir pflanzen beide Sorten auch dieses Jahr wieder im Garten an. Kartoffeln ernten ist so ziemlich meine liebste Aufgabe in der Gartenarbeit. Weil es dann wieder Bratkartoffeln von ganz frischen Kartoffeln gibt.

Linda: eine alte und leider selten gewordene Sorte, vorwiegend festkochend und innen schön gelb und schmackhaft.

Laura: eine rotschalige Kartoffel, auch vorwiegend fest/festkochend. Auch sie ist innen schön gelb und fast noch leckerer als die Linda – aber immer wenn ich das gerade gedacht hatte, finde ich beim Essen heraus, dass die Linda als Bratkartoffel doch mindestens ebenso gut schmeckt.

Aber auch mit diesen guten Sorten ist mir ein Fehler unterlaufen, den du dir ersparen kannst. Ich habe lange Zeit zu viele Kartoffeln in die Pfanne geschnitten. Die rösten dann nicht richtig. Die Kartoffeln wurden eher weich und matschig und nur an den wenigsten Stellen schön goldbraun. Klar, man kann das essen, aber es wird eben nur befriedigend bis gut. Und nicht sehr gut mit Sternchen.

Die Lösung:

Ich habe gelernt, nicht zu viele Kartoffeln in eine Pfanne zu scheiden.  Ein bisschen darf der Boden der Pfanne durchblitzen. So komme ich auf das Beste Ergebnis. Und weniger essen ist ja auch gesünder.

4.) Die Butter

Ja wirklich. Für meine Bratkartoffeln muss es echte Butter sein. Ich habe auch schon Bratkartoffeln mit Olivenöl gemacht. Und dann mit Kokosfett, weil das sollte ja angeblich so gesund sein. Aber das schmeckt dann nicht so. Anders eben. Und wenn ich sehe, das mein 250g-Päckchen Butter, das ich fast nur für Bratkartoffeln nehme, ungefähr zwei Wochen hält, bevor es aufgebraucht ist, dann sag ich mir, das ist okay.
Für zwei Personen schneide ich an der kürzeren Seite vom Butterpäckchen einen 7-10 mm breiten Streifen herunter, je nach dem ob ich ein paar mehr oder ein paar weniger Kartoffeln habe. Probiere es aus: Mit zuwenig Butter bei zu vielen Kartoffeln geraten sie zu trocken. Zu viel Butter lässt die Kartoffeln im Fett schwimmen, das ist auch nicht lecker.

5.) Die Zwiebel

Ich dachte früher immer: Mehr ist leckerer, weil ich Zwiebeln liebe. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass das für Bratkartoffeln nicht wahr ist. Für die Menge Bratkartoffeln für zwei Personen (siehe Beitragsbild), nehme ich inzwischen nur noch eine mittelgroße Zwiebel. Nicht mehr die Größte, die ich im Beutel finden kann. Eine große Zwiebel enthält einfach zu viel Wasser und das würde dafür sorgen, dass die Bratkartoffeln, nachdem sie zuvor schon knusprig waren, wieder weich würden. Das ist auch der Grund, warum ich die Zwiebel erst ganz am Schluss unter die Bratkartoffeln gebe. Täte ich sie zu früh rein, würde die knusprige Bräunung der Kartoffeln überwiegend ausbleiben oder nicht so schön goldbraun und knusprig geraten.

6.) Das Salz

Ich gönne mir hochwertiges Salz. Ob die Geschichte stimmt, die mir mal jemand dazu erzählt hat, weiß ich nicht, aber mir wurde gesagt: Das reine chemische Kochsalz NaCl, das man als billiges Haushaltssalz kaufen kann, enthalte eine einzige nutzbare Information für den Körper. Meersalz enthalte immerhin 12 Informationen, während im Himalayasalz 86 Informationen enthalten sein sollen. Wie gesagt, eine Geschichte. Google das, wenn es dich interessiert. Mich interessiert aber vor allem der Geschmack. Probiere doch mal verschiedene Sorten Salz nebeneinander von der Fingerspitze. Da merkst du einen krassen Unterschied. Und diesen Unterschied schmeckt man eben auch in den Bratkartoffeln. Merke: Ohne gutes und leckeres Salz können es keine echten Loni-schlimm-schlimm-Bratkartoffeln werden.

Übrigens:

Im Zuge der Selbstliebe kannst du die Bratkartoffeln auch einfach nur für dich alleine zubereiten.

Und so wünsche ich dir viel Spaß beim Genießen!

Es grüßt dich Marilona

 

P.S.: „Schlimm sein“ ist in unserer Familie übrigens eine besondere positive Auszeichnung. „Prädikat wertvoll“ könnte man auch sagen. Inzwischen habe ich offiziell den Titel „dreifach schlimm“ ergattern können, so, wie zur Zeit andere Menschen Olympia Gold ergattern konnten – nur mit dem Unterschied, dass ich es tatsächlich glauben kann, dass ich das geschafft habe 😉

Veröffentlicht in Landleben Leicht & Lecker