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Die folgende Erzählung meiner Kindheitserlebnisse …

… verfasste ich im Jahr 1993, als Schlussworte meiner Examensarbeit. Damals studierte ich Lehramt für Grund- und Hauptschule in den Fächern Biologie, Mathematik und Chemie. Seitdem sind viele Jahre vergangen und dennoch sind meine Erinnerungen an meine Kindheit so lebendig als wäre ich gerade erst gestern durch unser Ödland gestiefelt.

Tatsächlich ist Zuhause, in meinem Moor, die Natur noch fast genau so, wie ich sie in meiner Kindheit zusammen mit meinen Freundinnen vor rund 40 Jahren erlebt habe. Allerdings gibt es heute Bäume dort, wo damals noch keine waren und im Herbst kann man nun Pilze pflücken: Steinpilze, Maronen und Birkenpilze wachsen am Wegesrand.

Schlussworte meiner Examensarbeit
Zu Beginn dieser Hausarbeit habe ich darauf verzichtet, darzulegen, warum ich das Thema „Moor und Moorschutz, Ausarbeitung einer projektorientierten und ungefächerten Unterrichtseinheit“ gewählt habe. Ich war mir zunächst selbst der Gründe nicht bewusst. Und doch war ich sicher: Das ist mein Thema! Meine Motivation mit dieser Arbeit zu beginnen, war von Anfang an sehr hoch.

Das, was ich nun erzählen möchte, hat mit Wissenschaft nicht viel zu tun. Stattdessen geht es um bewusstes Erleben, Fühlen und Staunen. Es geht um die Wunder, die in der Natur zu finden sind, wenn man nur achtsam ist und hinsieht. Und es geht darum, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass die Natur unser wahres Zuhause ist, das geschützt und sorgsam gepflegt werden muss.

Mein Wunsch ist es, eines Tages dieses bewusste Erleben, Fühlen und Staunen an junge Menschen weitergeben zu können. Ich bin der Meinung, dass die Entwicklung dieser Fähigkeiten Voraussetzung dafür ist, nicht nur zu Wissen, sondern auch zu verstehen und darüber hinaus bereit zu werden, Verantwortung für unsere Umwelt zu übernehmen.

Die Gründe zur Wahl des Themas Moor und Moorschutz sind eng mit meiner Kindheit verwoben. Ich wuchs auf einem Bauernhof auf, am Rande eines Naturschutzgebietes, wo ich sehr viel Zeit draußen in der Natur verbrachte.

Zum Besitz meiner Familie gehören paar Hektar dieser Natur, von dem wir ein Stück „das Ödland“ nennen. Dieses wilde Stück Land übte von je her eine große Faszination auf mich aus. Es war für mich ein Ort der Verzauberung, der auf besondere Weise viele Geheimnisse barg.

So durchstreifte ich oft ganz allein unser Ödland und fühlte mich wie ein Jäger und Sammler aus der Neandertalerzeit. Ich pflückte Kannen voller Moosbeeren, die meine Mutter zu Marmelade verkochte und ich stiefelte oft bis über die Knöchel versinkend durch den nassen, von Torfmoos bedeckten und wankenden Boden zwischen aufschießenden Birkensprösslingen und einigen alten Kiefern hindurch.

Über die letzten nur von Torfmoos gefüllten Torfstichkuhlen zu gehen, war für mich eine Art Mutprobe, denn die Erinnerung an die Moorleiche, die ich im Bederkesaer Burgmuseum gesehen hatte, kehrte stets zurück, wenn ich hinüber wollte.

Mir war oft etwas unheimlich zumute, z.B. wenn ich mich zu nah an das unbewohnte und halb verfallene Bauernhaus herantraute oder wenn im Birkenhain die großen Radnetze der dicken Kreuzspinnen mein Gesicht streiften. Mich gruselte, wenn ich eine halbskelettierte Tierleiche fand oder mir der Einsamkeit und Stille dieses verwilderten Ortes bewusst wurde.

Anders, nämlich einfach nur wunderschön, war es, wenn ich im Frühling und Sommer zusammen mit meinem Vater durch die Moorwiesen zum Ödland spazierte. Dann nannte er mir die Namen der Pflanzen, die dort wuchsen, und die Stimmen der vielen Vögel kannte er auch. So lernte ich schon früh den Unterschied zwischen Glockenheide, Besenheide und Blaubeere und wusste, dass das, was nicht weit daneben wuchs, Torfmoos und Moosbeere hieß.

Ich kannte die Laute der Himmelsziege und des Kiebitzes und liebte den Gesang der Lerche hoch oben am blauen Junihimmel. Oft sahen wir auf unseren Spaziergängen zum Ödland Hasen und Rehe auf den Weiden und wenn wir zum ersten Mal im Frühling den Kuckuck rufen hörten, hieß es stets: „Hast du auch einen Taler in der Tasche?“

Am Wegrand des durch Sukzession mehr und mehr verwaldenden Moores im Ödland beobachtete ich mit Hingabe die vielen Ameisen, die auf großen Haufen emsig arbeiteten und ich entdeckte immer neue Arten von Moosen und Flechten, an deren Farbe und zuweilen seltsamen Wuchsformen ich mich nicht satt sehen konnte. Manchmal fand ich sogar ein kleines Exemplar des sehr seltenen fleischfressenden rundblättrigen Sonnentaus.

Im Sommer, während der Heuernte auf den Moorwiesen, wo ich die Aufgabe hatte, Heuballen in eine Reihe zu trudeln, fand ich noch viel Zeit, in den schmalen Entwässerungsgräben Frösche zu fangen oder merkwürdigen grünen Algenschleim durch meine Finger gleiten zulassen.

Oft saß ich am Grabenrand und flocht aus Binsen einen Kuckucksstuhl oder suchte in der Kuckuckspucke nach kleinen grünen Tierchen. Stets wurden wir ermahnt, sorgfältig darauf zu achten, wo wir hintraten, denn im Moor gab und gibt es immer noch einige wenige Kreuzottern, deren Biss giftig ist. Einmal fand ich eine wunderbar erhaltene abgestreifte Schlangenhaut. Ich habe sie viele Jahre lang aufbewahrt.

Im Winter, wenn viel Schnee lag und die Frostperiode lange anhielt, brachten mein Vater und ich Heuballen, Schrot und Hafer für die Tiere ins Ödland.
In unserem Garten unter den jungen Eichen hatten wir auch eine Futterstelle, an der ich oft Fasanen, Hasen und viele Vögel vom Stubenfenster aus beobachten konnte.

Im Katastrophenwinter 1978/79 kamen sogar einige Rehe bis zur Futterstelle im Garten heran, weil sie nirgendwo unter der meterhohen Schneedecke Futter finden konnten. Eines morgens fand ich ein Reh, das sich direkt unter das Stubenfenster zur Ruhe gelegt hatte. Leider war es krank und der Jäger musste kommen…

Ein anderes Mal fand ich auf einem zugefrorenen Graben unter einer kleinen Brücke einen erfrorenen Fuchs mit wunderschönem Winterpelz. Mein Vater ließ das Fell gerben und es liegt noch heute auf der Lehne eines Sessels in der guten Stube.

Manchmal, am Morgen des Heiligen Abend, zogen wir los, um einen Weihnachtsbaum zu schlagen und einmal war es eine junge Kiefer, die unsere Stube schmückte. Ich weiß noch, dass ich das sehr seltsam fand.

Ähnlich schöne Kindheitserlebnisse hatte ich auf der anderen Seite unserer Straße, wo die Seewiesen an das sumpfige Verlandungsgebiet des Balksees grenzen und wo der Zufluss des Sees durch die Wildnis von Schilf und Erlenbruchwald fließt. Im Winter liefen wir Kinder mit Schlittschuhen auf den überschwemmten und zugefrorenen Seewiesen und über den Fluss gelangten wir auf den Balksee. Nur ein einziges Mal gelang es meinem Vater und mir, den „Geistersee“ zu finden, der nur über das Eis im Winter erreichbar und heute vielleicht schon verlandet ist.

Im Sommer patschten wir mit nackten Füßen über die Seewiesen, wo wir oft bis zu den Knöcheln im Wasser versanken. Ich liebte besonders die zarten pinkfarbenen Blüten der Kuckuckslichtnelke und den urigen Schachtelhalm, der auf den Seewiesen wuchs.

In der feuchten Abenddämmerung der Sommermonate ging ich gern zusammen mit den Kindern unserer Feriengäste auf Meckenfang. Mecken sind riesige Regenwürmer, die in der späten Dämmerung aus ihren Erdlöchern kommen und langgestreckt auf der schwarzen Erde der Blumenbeete liegen und die feuchte Nachtluft genießen. Sie verschwinden blitzschnell in ihren Löchern, wenn man sie durch eine ruckartige Bewegung mit der Taschenlampe erschreckt oder nicht schnell genug zupackt.

Am nächsten Tag saßen wir dann mit unserer Beute an der Angel am Fluss und warteten gespannt darauf, ob die Pose zucken und wir es schaffen würden, einen Aal zu fangen. Wenn man Erfolg haben wollte, musste man sehr lange regungslos sitzen, denn jede noch so kleine Bewegung übertrug sich durch den schaukelnden Boden auf das Wasser und warnte die Fische.

In all diesen Erlebnissen spielte die atmosphärische Stimmung, das ganzheitliche Erleben der Natur, eine große Rolle, ohne dass ich dafür Worte gehabt hätte.

Wenn ich jetzt die Augen schließe, kann ich noch riechen, wie würzig am späten Abend die feuchte Luft roch, kann das leise Geräusch von Fledermausflügeln über mir in der Dämmerung hören und vor meinem inneren Auge sehen, wie der Nebel sich nach einem orangeroten Sonnenuntergang über die Wiesen senkte und für den nächsten Tag schönes Wetter versprach.

Ich fühle noch, wie die Fliegenschwärme an heißen Sommertagen unsere Ponys und unsere Gesichter laut surrend umschwirrten, wenn wir auf dem Weg ins Moor zu tief ins Ödland hineinritten. Vor ihnen konnten wir uns dann nur durch einen wilden Galopp in das freie Weideland retten.

All diese Kindheitserlebnisse weckten im Laufe der Zeit in mir den Wunsch, mehr über die Landschaft zu wissen, die sich zu beiden Seiten unserer Straße so gegensätzlich gestaltete.

Damals wusste ich noch nichts von Begriffen wie Hochmoor, Niedermoor und Sukzession. Die faszinierende Welt der Naturwissenschaften betrat ich zum ersten Mal in der Schule: Als unser Lehrer uns auftrug, ein Herbarium anzulegen, das wir innerhalb dreier Schuljahre auf 150 verschiedene Pflanzen vervollständigen sollten, war ich mit Feuereifer bei der Sache. Ich sammelte und presste all die Pflanzen und Gräser, die bei uns in den Feuchtwiesen, im Moor und auf der Hofstelle wuchsen, und ständig nervte ich meine Freundinnen mit den neugelernten lateinischen Namen dieser Pflanzen, wenn wir – und das taten wir ständig – an ihnen vorbeiliefen.

Irgendwie wollte ich schon immer etwas aus unserem Stück Ödland und dem Land darum herum machen. Ich wollte etwas einfangen von dem Zauber, vom Gefühl des Glücks und der Freiheit, das ich draußen in der Natur empfand.

Doch ich wusste nicht, wie ich so etwas anfangen konnte und so unterblieb es, bis ich hier in der Stadt, weit weg von Zuhause und voll der Sehnsucht nach meinem heimatlichen Moor, auf die Idee kam, unser Ödland mit seinem Rest von einem Hochmoor zum Teil meiner Examensarbeit zu machen. Mir gefiel der Gedanke daran, all den Geheimnissen, die das Moor birgt, mit meinen zukünftigen Schülern auf die Spur kommen zu können.

Ich wünschte mir, ich könnte meine Begeisterung auf meine Schüler übertragen, meine Freude zu ihrer werden lassen, und ich wünschte, sie könnten selbst die großartigen kleinen Wunder, die unschwer in der Natur zu entdecken sind, erleben. Ich wünschte, ich könnte in meinen Schülern das Bewusstsein dafür wecken, was alles verloren ginge, würde eine Landschaft wie diese durch die Hand des Menschen sterben.

In dieser Examensarbeit begann ich nun, meinen Wunsch zu realisieren, und es bedarf über diese Hausarbeit hinaus noch viel Zeit und Engagement, das Begonnene Stück für Stück zu vervollkommnen, denn ich brauche noch mehr praktische Erfahrungen mit Schülern und Unterricht, um aus dieser Arbeit einmal das zu machen, was sie werden könnte.

Ich habe lange überlegt, ob diese Erinnerungen an meine Kindheit im Moor überhaupt einen Platz in einer Examensarbeit haben dürfen und ich bin zu folgendem Schluss gekommen: Diese Arbeit und der darin gestaltete Unterrichtsentwurf besteht zum großen Teil aus meinen Gedanken und Ideen. Und all diese sind geprägt durch meine Erlebnisse aus der Kinderzeit.

Vielleicht waren es auch diese Erfahrungen, die mich überhaupt dazu bewogen haben, Biologie und Naturwissenschaften zu studieren und mein Wissen, Denken und Fühlen an Kinder und Jugendliche weitergeben zu wollen. Und deshalb weiß ich, dass meine Erinnerungen einen Platz in dieser Arbeit haben müssen.

Hiermit versichere ich, dass ich die vorliegende Arbeit selbständig verfasst und keine anderen als die angegebenen Hilfsmittel benutzt habe. *** 04.10.1993

Nachwort
Obwohl ich nicht mehr als Lehrerin arbeite, lebt mein damaliger Wunsch, intensives Erleben und Fühlen an Kinder weiterzugeben, noch immer in mir.
Meine Art zu Schreiben ist der Weg den ich wähle, um mir diesen Wunsch zu erfüllen und um die Menschen wahrhaft zu erreichen. Für mich ist die Welt in meinem Kopf so lebendig wie das wirkliche Leben, denn beide Welten sind voller Gefühl.

© Ilona Butt

Veröffentlicht in Best of Loni Landleben